2010 wurde Carl Reineckes Märchendichtung "Dornröschen" im Forum Lied aus der Taufe gehoben. Inzwischen liegt eine vielbeachtete Aufnahme  des Labels cpo vor. Carl Reinecke bleibt für die Detmolder ein ergiebiges Thema, die Märchendichtung "Die wilden Schwäne" basiert auf einem Märchen von Hans Christian Andersen

 

Samstag, den 25. Mai 17 Uhr/ Sonntag, den 26. Mai 11.30 Uhr

Studiobühne Theater Gütersloh, Barkeystraße 15

Studierende der Hochschule für Musik Detmold –

Christian Kleinert, Rezitation - Peter Kreutz, Klavier

 

Einzelkarten für 12,- Euro, Tickethotline: 05241 – 211 36 36

 

Zum Programm:

Das Lösungswort des diesjährigen Osterrätsels in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung war „Reinecke“. Die gesuchte Person wurde umschrieben als „deutscher Komponist, der mit 61 Jahren eine bedeutende Konferenz besucht hat.“ Der Weg zur Lösung des Rätsels war steinig: 14 Fragen zu einer entsprechenden Anzahl an Komponisten galt es zu beantworten, der Musikfachmann hatte nur wenig Vorteile, wurden doch auch die Zahlen von Nachtbuslinien, Hausnummern und Ähnlichem gesucht. Addierte der geduldige Leser dann die Lösungszahlen der einzelnen Fragen, kam er auf das Geburtsjahr des gesuchten Komponisten. Wie viele Leser der FAS werden erstaunt gewesen sein und – man war ja nun ohnehin schon beim googeln – erst einmal geschaut haben, wer denn Carl Reinecke ist? Nur die Leser aus Gütersloh konnten sich diese weitere Recherche sparen, denn im Forum Lied ist der Leipziger Komponist ein im besten Sinne alter Bekannter. Seine Märchendichtung „Dornröschen“ wurde hier im Dezember 2010 aus der Taufe gehoben, übrigens ein besonderes Beispiel für die enge Zusammenarbeit Detmolder Lehrender  und ihrer Studenten.

 

Carl Reinecke war über 30 Jahre lang Dirigent des Leipziger Gewandhauses, so lange wie niemand zuvor oder nach ihm. In seiner Kompositionsklasse am von Mendelssohn gegründeten Leipziger Konservatorium unterrichtete er unter anderem Edvard Grieg, Max Bruch, Leos Janacek und Ferruccio Busoni.

Im Werkverzeichnis Reineckes gibt es viele weitere Märchendichtungen, die es in Zukunft noch zu entdecken gilt. Die Märchen waren ein Raum in dem sich Reinecke Zeit seines Lebens sicher und geschützt gefühlt hat. Gleichzeitig bediente er mit dieser Gattung ein Publikum, das es heute in dieser Form nicht mehr gibt: den musikalischen Salon des gebildeten Bürgertums. Die sich hier versammelnden Menschen waren musikalisch hoch gebildet, unter ihnen viele Frauen, die eine musikalische Ausbildung hatten, die sie zu einem Musikstudium befähigt hätte. Die Zeit war noch nicht so weit, ein berühmtes Beispiel hierfür ist Fanny Mendelssohn.

 

„Die wilden Schwäne“ basiert auf einem Märchen von Hans Christian Andersen: die Erzählung von der Treue einer Schwester ihren Brüdern gegenüber. Diese sind zu Schwänen verzaubert worden, ihre einzige Rettung ist das siebenjährige Schweigen der Schwester sowie ihre Arbeit an Kleidungsstücken, mit deren Hilfe die Brüder zurückverwandelt werden können. Anders als bei „Dornröschen“ hat Carl Reinecke zur Klavierbegleitung weitere Instrumente eingesetzt: eine Harfe, zwei Hörner und ein Violoncello. Schon beim „Dornröschen“ stand die Frage im Raum, ob die Komposition nicht eigentlich für Orchester geschrieben sei. Doch erneut kann betont werden, wie ausgesprochen pianistisch Reinecke geschrieben hat, wir finden keine Spur von einem Klavierauszug! Musikalisch im Mittelpunkt stehen in der nun zu hörenden Märchendichtung „Die wilden Schwäne“ erneut die Ensembles für Frauenstimmen. Sie übernehmen in insgesamt neun Stücken neben einem Prolog die Rolle der Engel, der Glühwürmchen, der Mäuse und Drosseln, der Lamien (das sind lichtscheue Gesellen, die sich auf Friedhöfen herumtreiben) und natürlich der Schwäne. Der Vielfalt der genannten Rollen entsprechend komponiert Carl Reinecke farbigste Musik: auffallend häufig ist das Frauenstimmenensemble einstimmig zu hören. Diesem Unisono gegenüber ist dann die Wirkung der Mehrstimmigkeit um so größer. Während die Glühwürmchen, Lamien und Mäuse geradezu wortmalerisch quirlig komponiert werden, fühlen sich die beiden Drosseln hörbar als etwas Besseres, Edleres. Der Chor der Engel schließlich ist in einem Tonfall komponiert, der unmittelbar an Felix Mendelssohn erinnert. Diese Brücke zu einem Komponisten aus Reineckes Leipziger Umfeld brachte uns auf die Idee, das zu hörende Programm zu erweitern. Da wir „Die wilden Schwäne“ in gekürzter Fassung aufführen werden – die Solopartien sowie die genannten weiteren Instrumente werden nicht zum Einsatz kommen – haben wir Raum, Carl Reinecke vierfach direkt einem Komponisten seines Leipziger Umfelds gegenüberzustellen. Während seines  Studiums hatte Reinecke in Leipzig seine Vorbilder Mendelssohn und Schumann kennengelernt, Schumann nannte ihn einen „jüngeren Komponisten nach meinem Sinn“. Die unverwechselbare künstlerische Handschrift, wie sie uns von Mendelssohn und Schumann oder Brahms bekannt ist, hat Reinecke als Komponist möglicherweise nicht erreichen können.

 

Felix Mendelssohns Duett „Maiglöckchen und die Blümelein“ vertont ein Gedicht von Hoffmann von Fallersleben, den auch Carl Reinecke einem Sololied unterlegt. Zwei weitere textgleiche Vertonungen haben wir von Friedrich Rückerts „Liebst du um Schönheit“ und dem Heine Gedicht „Das gelbe Laub erzittert“ gefunden: Clara Schumann und Edward Grieg werden hier jeweils Carl Reinecke gegenübergestellt. Griegs Komposition entstand direkt nach seinem Leipziger Studienaufenthalt, der Vergleich mit der Komposition seines Lehrers ist daher natürlich sehr reizvoll. Eine Besonderheit stellt die Paarung zweier Vertonungen eines kleinen Gedichts von Ludwig Bechstein, heute vor allem durch die von ihm herausgegebene Sammlung deutscher Volksmärchen bekannt, dar: Reinecke komponiert „Vögleins Begräbnis“ als einfaches, inniges Strophenlied im Rahmen seiner Kinderlieder. Von Robert Schumann hören wir denselben Text in einer Vertonung für drei Frauenstimmen und Klavierbegleitung unter dem Titel „Nänie“, also einem Trauergesang. Dieses Gegenüber ist so reizvoll, dass wir die drei Strophen im ständigen Wechsel Reinecke - Schumann vortragen, so dass Sie entsprechend dreimal die Gelegenheit haben, zu vergleichen.

 

Bleibt noch die Frage nach der Konferenz, die Carl Reinecke laut Rätselfrage der Frankfurter Sonntagszeitung besucht hat: es war die Stimmtonkonferenz in Wien, hier wurde1885 der einheitliche Kammerton festgelegt.

 

Carl Reinecke

Lieder, Duette und Ensembles 

25./ 26. Mai 2013

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