Konzert 3

Samstag, den  24. Februar 2018 um 17 Uhr

Sonntag, den 25. Februar 2018 um 11.30 Uhr

 

Lieder von Johannes Brahms und Hugo Wolf

 

Sandra Marks, Mezzosopran

Peter Kreutz, Klavier

 

 

Lieder von Johannes Brahms und Hugo Wolf stehen auf dem kommenden Forum Lied Programm, eine Gegenüberstellung, die für ein Liedprogramm ebenso für die Zusammenstellung auf CDs überhaupt nicht ungewöhnlich ist. Die beiden Komponisten stehen im nach Anfangsbuchstaben sortierten Notenregal weit voneinander entfernt und würden selber möglicherweise protestieren, wüssten sie von unserem Vorhaben! Brahms und Wolf schätzten sich nicht, und das ist noch sehr milde ausgedrückt. Ein schönes Beispiel: anlässlich eines Besuchs bei Freunden hatte Wolf den eigenen Vortrag seiner Lieder versprochen. Bevor er sich nun ans Klavier setzte, sah er, dass der Stuhl zu niedrig war. Auf der Suche nach einem Notenband, der ihn höher machen könnte, entdeckte Wolf einen passenden Band „Ah, da ist ja Brahms, da setz´ ich mich gleich drauf.“ „Brahmine“, also Brahms-Verehrer zu sein, war Grund genug für Wolf, eine neue Bekanntschaft abzulehnen. Heikle Brahms-Diskussionen lenkt er aber auch schon einmal mit der Bemerkung ab, „dem Brahms sei wohl manches schöne Lied gelungen.“ Natürlich brachte er einige Musikliebhaber, die sowohl Wolf als auch Brahms verehrten, mit seiner schroffen Haltung in einen persönlichen Konflikt. Der Dichter Detlef Liliencron beispielsweise, dessen Gedichte „Auf dem Kirchhofe“ und „Maienkätzchen“ von Johannes Brahms vertont wurden, stieß mit seinen Arbeiten bei Hugo Wolf nicht auf die erhoffte Zustimmung. Seiner Bewunderung für dessen Lieder tat das aber keinen Abbruch und so schrieb er an eine Verehrerin „lassen Sie bitte sich diese Lieder ja aus Wien kommen; aber erwähnen Sie bitte seinen Namen nicht dem lieben Johannes. Der ist, glaub ich, rasend auf ihn.“

Die Liedauswahl in der zu hörenden Gegenüberstellung weist ein typisches Merkmal der großen Gegensätzlichkeit beider Komponisten auf: die Bedeutung der von ihnen vertonten Lyrik. Im Kurskonzert des vergangenen Sommers war bereits zu erkennen, dass Johannes Brahms sich durch ein im Gedicht behandeltes Thema fangen lassen konnte, die Qualität der Arbeit nicht unbedingt ausschlaggebend war. So konnte er sich in den „Heimat“-Gedichten seines Freundes Klaus Groth wiederfinden und vertonte von ihm alleine eine größere Anzahl an Gedichten als von allen „großen“ Dichtern insgesamt. 11 ausgewählte Lieder auf Texte von Klaus Groth, Gottfried Keller, Karl August Candidus, Ludwig Hölty, Hermann Allmers, Hans Schmidt und dem jüngsten Schumann-Sohn Felix stehen 11 Wolf-Liedern auf Texte von Eduard Mörike gegenüber. Hugo Wolf verschloss sich komplett den mittelmäßigen Versen zeitgenössischer Poeten. Umgekehrt verstanden Dichter seiner Zeit nicht die Musik von Wolf. So sprach Richard Dehmel von einer „Leiermannsseele“, die Musik „aus zweiter Hand“ schreibt.

Die Lyrik Eduard Mörikes hat den jungen Wolf seit 1886 überallhin begleitet. Wolfs Schlüssel bei der Annäherung an Lyrik ist die Persönlichkeit des Dichters, sie erschließt ihm den poetischen und zugleich den musikalischen Horizont. Zwei Jahre später, im Februar 1888 bricht ein kreativer Strom aus Wolf heraus: bis Mitte Mai komponiert er 43 (!) Lieder nach Mörike. Sein kaum zu begreifendes Glück versucht der Komponist in Briefen an Vertraute zu formulieren. Sein Tagewerk – manchmal gleich drei Lieder – beschreibt er mit immer neuen Superlativen: „mein Bestes“, „mein Meisterstück“, „das weitaus Beste“, „noch Millionen Mal besser“. Und einem Freund empfiehlt er, auf den von ihm geplanten Erwerb der Mörikeschen Gedichte zu verzichten, da bei seinem augenblicklichen Produktionsdrang über kurz oder lang sämtliche Gedichte in eigenen Vertonungen vorliegen dürften, er also nur diese Lieder kaufen müsse.

Weitere Äußerlichkeiten, die wie Mosaiksteine die große Gegensätzlichkeit der beiden Komponisten verdeutlichen können: Johannes Brahms, der Norddeutsche – Hugo Wolf  aus Österreich. Johannes Brahms konzertierte zeitlebens erfolgreich als Pianist und Dirigent. Wolf dagegen mied Alternativen zum Komponieren, etwa Dirigieren oder solistisches Spielen, systematisch, einmal aus Furcht, nicht zu genügen, dann wieder um alles fern zu halten, was vom Schöpferischen ablenken konnte. Seine Ablehnung Brahms gegenüber arbeitete Wolf allerdings als Kritiker einer Wiener Boulevardzeitung ab, Brahms las diese Angriffe genüsslich in seinem Freundeskreis vor.

Wolf bewährte sich als ein Meister der kleinen Form, in dieser wird er von kaum einem anderen Komponisten übertroffen an Intensität, geistiger Durchdringung, Fülle und Mannigfaltigkeit des Stils und Ausdrucks. Seine Musik ist aber aus diesem Grund auch nur einem kleineren Kreis Musikliebhaber bekannt. Johannes Brahms dagegen schrieb mit Ausnahme der Oper für alle Gattungen: Sonaten, Kammermusik, Solokonzerte, Sinfonien, Oratorien. Sein Klaviersatz, auch in seinen Liedern, ist immer wieder geprägt von den Farben des Orchesters. Johannes Brahms fügte in seinen eigenen Konzerten Liedvorträge zwischen Kammermusik- und Klavierwerke. Hugo Wolf dagegen betonte die Intimität seiner Lieder und wünschte sich neben dafür geeigneten Räumlichkeiten im Konzert auch Wiederholungen eines bereits vorgetragenen Liedes.

Eine Gemeinsamkeit soll aber hier abschließend auch genannt werden: beide Komponisten konnten ausgesprochen wortkarg und kurz angebunden sein. So sagte Johannes Brahms: „ er schreibe keine Briefe, er beantworte sie.“ Und Hugo Wolf antwortete auf die an ihn gerichtete Bitte um eine Kurzbiograhie mit Foto: „Ich heiße Hugo Wolf, bin am 13. März 1860 geboren und derzeit noch am Leben. So viel genügt als Biografie. Die blöde Fratze tut nichts zur Sache.“ 

Im Forum Lied Konzert kommen die Beiden nun auf andere Weise zu Wort: durch ihre Lieder!