Samstag, 2. März 2019, 17.00 Uhr

Sonntag, 3. März 2019, 11.30 Uhr

Mignon und der Harfner

 

Vertonungen aus Goethes Wilhelm Meister 

 

von Franz Schubert und Robert Schumann

 

Lea Maria Koch, Sopran

Mathis Koch, Bass-Bariton

Peter Kreutz, Klavier

  

 

Zum Programm:

 

In der Laudatio Lotharios – er ist ein Mitglied der Turmgesellschaft -  heißt es ganz zum Ende des Goethe RomansWilhelm Meisters Lehrjahre: „Unglaublich ist es, was ein gebildeter Mensch für sich und andere tun kann, wenn er, ohne herrschen zu wollen, das Gemüt hat, Vormund von vielen zu sein, sie leitet, dasjenige zur rechten Zeit zu tun, was sie doch alle gerne tun möchten, und sie zu ihren Zwecken führt, die sie meist recht gut im Auge haben und nur die Wege dazu verfehlen.“ 

Mit diesen Worten wird der zurückliegende lange Weg der Titelfigur zusammengefasst: Wilhelm Meister hatte sich aus der engen Bürgerlichkeit seines Elternhauses gelöst und zunächst geglaubt, in der Welt des Theaters den Weg zu sich selbst zu finden. Irgendwie geht es bei Goethe ja immer ums Erwachsenwerden und das heißt: Sich-Arrangieren mit den Regeln der Gesellschaft. Wilhelm schließt sich zunächst einer umherziehenden Schauspielertruppe an, bricht mit ihr zu einem Gastspiel im Grafenschloss auf. Hier verliebt er sich in die schöne Gräfin, lernt die Welt des Adels, gleichzeitig aber auch  das Werk Shakespeares kennen. Die Begegnung mit Lothario, einem tatkräftigen und wirklichkeitsverhafteten Edelmann, entführt Wilhelm aus dem Bezirk des Theaters in die praktische Welt, offenbart ihm aber auch seine Abhängigkeit von der mysteriösen Turmgesellschaft. Nach und nach enthüllen sich alle im Roman entwickelten Geheimnisse und zum Schluss wird dann doch die Verbindung Wilhelms mit der geliebten Natalie, also des bürgerlichen Kaufmannssohnes mit einer Adligen, möglich. Ein Happy End also? Wenn man bedenkt, dass direkt davor Mignon stirbt und der Harfner sich das Leben nimmt, kann davon keine Rede sein. Die einzige Oper, die sich mit dem Thema beschäftigt, ist „Mignon“ des Franzosen Ambroise Thomas. Die Librettisten dieser Oper hatten sehr genau ausgerechnet, was das von Goethe vorgesehene Ende für ihren Erfolg bedeutet hätte: Als erfahrene Bühnen-Praktiker, die wir waren, mussten wir einsehen, dass uns der Tod Mignons sieben bis 800 Aufführungen kosten würde! Also ließen wir die beiden lieber als braves Bürgerpaar heiraten, mit Aussicht auf zahlreiche Nachkommenschaft.“

 

Ganz anders die Liedkomponisten: neben Franz Schubert und Robert Schumann haben auch Beethoven, Liszt, Wolf, Zelter und Tschaikowsky ausgewählte Gedichte der Mignon und des Harfners vertont. Mignon, als kleines Kind aus Italien nach Deutschland entführt, wird in dem Roman als ein junges Geschöpf beschrieben, ihre langen schwarzen Haare waren in Locken und Zöpfen um den Kopf gekräuselt und gewunden. „Wilhelm konnte nicht mit sich einig werden, ob er sie für einen Knaben oder ein Mädchen erklären sollte. Doch entschied er sich bald für das letzte. Er schätze sie zwölf bis dreizehn Jahre.“ 

In einem schlechten Wirtshaus in einem entfernten Winkel der Stadt findet Wilhelm den Harfner in einer Dachkammer  wieder und belauscht dort seinen Gesang, der von seiner aufgeladenen Schuld mit seiner Schwester ein Kind gezeugt zu haben erzählt: „es waren herzrührende, klagende Töne, von einem traurigen, ängstlichen Gesange begleitet. Die Klage drang tief in die Seele des Hörers.“

Bereits im Roman werden die beiden auf unterschiedliche Weise so geheimnisvollen Figuren mit ihren Liedern auf besondere Weise charakterisiert. Diese Gedichte stechen in dem Romantext entsprechend deutlich hervor, Goethe betont aber darüber hinaus ihren musikalischen Aspekt durch den Abdruck von Vertonungen Johann Friedrich Reichardts in der Erstausgabe. Mit einer Auswahl dieser Lieder werden wir unser Programm eröffnen.

Es ist gut möglich, dass Einige der oben genannten Komponisten die Texte in der Gedichtssammlung Goethes gefunden haben. Hier wurden sie zusätzlich zum Roman veröffentlicht, im Falle der „Ballade des Harfners“ mit erheblichen Veränderungen. Franz Schubert vertont diesen Text aus der Gedichtssammlung, Robert Schumann wählt die im Roman zu findende Fassung. Schumanns kompositorische Auseinandersetzung mit dem Thema Wilhelm Meister zeigt aber auch ohne diesen Umstand, dass er den Roman intensiv studiert hat. Es ist das einzige Mal, dass der Komponist eine Opuszahl in a und b unterteilt: die in unserem Konzert zu hörenden „Lieder und Gesänge aus Wilhelm Meister opus 98 a“ sind Vorspiel zu einem kleinen, nur 15-minütigen Oratorium „Requiem für Mignon opus 98 b“ für Soli, Chor und Orchester. Der hier vertonte Text ist dem Ende des Romans entnommen, dem Exequien für die aufgebahrte Mignon. Eine ergreifend schöne Szene bildet die Grundlage für ein besonderes Werk, das heute äußerst selten aufgeführt wird, im 19. Jahrhundert aber beispielsweise von Johannes Brahms auf das Programm seines Antrittkonzertes in Wien gesetzt wurde. Die Kombination Lied-Oratorium des Opus 98 zeigt deutlich, dass Robert Schumann das Lied acht Jahre nach seinem Liederjahr 1840 ganz neu betrachtet. An eine Kombination Lied – Oratorium in einem Konzert wird er nicht gedacht haben, eher an die Entwicklung des Liedes hin zur großen Form. Darüber hinaus ist Schumann der erste große Liedkomponist, der sich mit Goethe nach dem Tod des Dichters beschäftigt hat.  

 

Die Zusammenführung der Lieder der Mignon und des Harfners (dazu ein Lied der Philine) ist eine Besonderheit des Schumann-Zyklus. Wir werden die von ihm gewählte Reihenfolge auch für die Vertonungen von Franz Schubert übernehmen, wohl wissend, dass Schubert seine Mignon-Lieder (Opus 62) und Harfner-Gesänge (Opus 12) als Einzelwerke getrennt veröffentlicht hat.