Konzert 1

Samstag, 14. August 2021, 17.00 Uhr

Sonntag, 15. August 2021, 11.30 Uhr

 

20. Kurs Liedinterpretation Detmold/ Gütersloh, Abschlusskonzert 

"Von kleineren Lastern und größeren Sünden"

Lieder von Robert Schumann, Johannes Brahms, Arnold Schönberg und Kurt Weill

Sängerinnen und Sänger der Hochschule für Musik Detmold

Peter Kreutz, Klavier

 

Foto: Andreas Kirschner

 

Forum Lied lädt ein zur neuen Saison mit insgesamt 11 Konzerte rund um das Lied. Traditionell wird die Spielzeit mit dem jährlichen Kurskonzert eröffnet: junge Sängerinnen und Sänger der Hochschule für Musik Detmold werden in der ersten Augustwoche mit Prof. Peter Kreutz Lieder von Robert Schumann, Johannes Brahms, Arnold Schönberg und Kurt Weill erarbeiten und anschließend am Wochenende 14. und 15. August das Ergebnis in zwei Konzerten im Theater Gütersloh vorstellen. „Kleinere Laster und größere Sünden“ lautet in diesem Jahr das Thema, zu hören sind Lieder und Balladen, die von allzu menschlichen Dingen erzählen. Ein wunderbares Programm für den Neustart!

 

Die Gier des Schatzgräbers von Joseph von Eichendorff, die rasende Eifersucht der feindlichen Brüder von Heinrich Heine, Raub, Mord und Trunkenheit in den Volksliedern von Brahms, das sind Texte und Lieder, die unsere beiden Forum-Lied-Hauskomponisten in neuem Licht erscheinen lassen und im aktuellen Programm viel Raum bekommen. Kabarett Lieder waren in der Vergangenheit weiniger zu hören, das liegt möglicherweise auch an der strengen Trennung dieser Genres. In der Zeit der deutschen Romantik vergrößerte sich der Abstand zwischen ernster und heiterer Kunst bis zur völligen Trennung und Unüberbrückbarkeit. Die Erhabenheit des Künstlerberufs vertrug für damalige Begriffe keinerlei Einmischung in die Sphären, die der Unterhaltung breiterer Schichten des Publikums dienten. Oper und Operette wurden zu getrennten Gattungen, denen sogar ganze Theater unabhängig voneinander zu dienen hatten. Die Anhänger der ernsten Kunst sahen auf die der leichten Muse mit vornehmer Verachtung herab, während diese sich bisweilen parodierend über die Feierlichkeit des tragischen Kunstgenres lustig machten. In den Berliner Literarischen Cafés wurden Anfang des 20. Jahrhunderts Pläne geschmiedet, die Schauspielerin Hedda Somin – besser bekannt als Käthe Kruse, ja, die mit den Puppen! – berichtet von diesen Treffen: „ während langer Wochen und Monate wurden an jedem Abend Hoffnungen zertrümmert, wenn die Herren Geldgeber die Rentabilität plötzlich wieder bezweifelten. Im Café Größenwahn wurden Engagements abgeschlossen und über dem „Überbrettl“ wehte ein lustiger Wind über Berlin.“

Arnold Schönbergs Verbindung mit dem Literarischen Kabarett in Berlin ist von kurzer Dauer. Der Komponist hatte sich noch in Wien Ende 1900 ein Exemplar „Deutsche Chansons“ besorgt, das die Verse der jungen Dichter enthielt, die an das neue literarische Kabarett glaubten, unter ihnen zahlreiche Dichter, die uns auch in der Liedliteratur begegnen, wie Richard Dehmel und Detlef von Liliencron.  Schönberg vertonte insgesamt sieben dieser Gedichte und nannte sie nach der Berliner Spielstätte „Brettllieder“. Er beherrschte den Spagat zwischen dem erhabenen Stil seiner zeitgleich entstandenen „Gurrelieder“ und der erwünschten Popularisierung von Literatur und Musik in den Kabarett Songs. Im September 1901 wurde Schönberg Ernst von Wolzogen, dem Direktor der Berliner Ueberbrettl-Kompanie, die in Wien auf Tournee war, vorgestellt. Als Probe seines Könnens spielte Schönberg ihm einige kleine eigene Lieder vor, u.a. den Nachtwandler von Gustav Falke mit seinem Refrain „Rechts Mariechen, links Marie und voran die Musici“. Wolzogen erwarb das Lied umgehend für sein Überbrettl und engagierte Schönberg im Dezember formell als Kapellmeister der Kompanie, woraufhin Schönberg nach Berlin zog, wo er bis 1903 lebte.

20 Jahre später dann Kurt Weill,  er ist Sohn eines Kantors der jüdischen Gemeinde in Dessau, mit 18 Jahren verlässt er seine Heimatstadt und zieht in die vom Ersten Weltkrieg gezeichnete Stadt. Das kommende Jahrzehnt ist für den Komponisten und für die Stadt das der verrückten Zwanzigerjahre. Zum unglaublichen Aufschwung gehört auch die erstklassige Kultur in allen Sparten, Weill erfindet zusammen mit Paul Hindemith, Ernst Krenek und Hanns Eisler die Musik dieser neuen Welt, es ist eine „Generation von grenzenlosem Appetit.“ Weill liebt die Verführungskünste der Kabarett Lieder und ihre dunkle Doppelzüngigkeit, bewundert den einschmeichelnden Schmelz der Operettenmelodie und die unversöhnliche, martialische Trivialität der Gassenhauer und Bänkellieder und schafft eine kühle, schroffe und rhythmisierte Sprache aus Dur- und Mollakkorden. Weill besitzt einen unfehlbaren Instinkt für erstklassige Literatur, für eine Sprache mit Hintergedanken. Er integriert in seine Kompositionen Elemente des Bänkelsangs, des Jazz und der Unterhaltungsmusik, seine Songs ersetzen die weihevolle Aura gepflegter Kunstlieder. Mal sanfter, mal frecher Charme der 20-er Jahre. Schlagwörter beherrschen Berlins Szenerie: Licht und Schatten,  frei verfügbare, unkomplizierte Sexualität, funkelnde Lichterketten. Vier Komponisten werden beauftragt, „Berlin im Licht“ ihre Referenz zu erweisen, unter ihnen Kurt Weill. Na watt denn? spielt in seinem Text auf die vielen tausend Watt an, die den Berliner Nachthimmel zum Glühen bringen. Die Schaufenster der Warenhäuser und Berlins Wahrzeichen werden beleuchtet. Weill misstraut diesem inszenierten Bombast aus Strom und fordert in seinem Lied die Zuhörer auf Komm, mach´ mal Licht….“.

 

Kurt Weill und Lotte Lenya, eine Beziehung zwischen dem gebildeten Kantorensohn und einer Varieté-Tänzerin aus proletarischem Milieu. Sie ist musikalisch, hat sich aber einen kreatürlichen Zugang zur Musik bewahrt und ist keine klassisch ausgebildete Sängerin. Zusammen wollen sie nach oben. Lenya war für Weill so etwas wie seine Muse. Die Beiden ziehen am gleichen Strang, setzen sich füreinander ein. Weills Liebesbekunden Lotte Lenya gegenüber kulminieren in einer großen Hymne an ihre Stimme: „wenn ich mich nach Dir sehne, so denke ich am meisten an den Klang Deiner Stimme, den ich wie eine Naturkraft, wie ein Element liebe. In diesem Klang bist Du für mich ganz enthalten. Lotte Lenya dagegen beschreibt ihre Stimme selber mit den Worten „eine Oktave unter der Kehlkopfentzündung“.