Forum Lied Saison 2020/21 

 

Konzert 1

Samstag, 8. August 2020, 17.00 Uhr

Sonntag, 9. August 2020, 11.30 Uhr

 

19. Kurs Liedinterpretation Detmold Gütersloh

"Lieder vom Morgen und vom Abend, vom Tag und von der Nacht"

 

 

 

Lieder von Franz Schubert, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Robert Schumann, Johannes Brahms und Hugo Wolf stehen auf dem Programm des Kurs-Konzertes, mit dem wir auch in diesem ungewöhnlichen Jahr die neue Saison von Forum Lied eröffnen werden. Ein besonderes Motto verbindet sie: „Lieder vom Morgen und vom Abend, vom Tag und von der Nacht.“ Bei der Durchsicht der Liedbände habe ich zunächst 180 in Frage kommende Kompositionen gefunden und davon rund 60 auf die Repertoireliste gesetzt. Die am Kurs teilnehmenden jungen Sängerinnen und Sänger durften sich anschließend jeder einen persönlichen Zyklus zusammenstellen, also ein Lied zu jeder Tageszeit.

 

Wir sprechen immer von Liedern, das ist im Forum Lied ja auch naheliegend. Zunächst möchte ich Ihnen aber von den vertonten Gedichten erzählen. Die Tageszeiten Morgen, Tag, Abend und Nacht haben Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Rückert, Joseph Freiherr von Eichendorff, Heinrich Heine und viele weitere sowohl bekannte als auch weniger bekannte Poeten zu ihren Gedichten inspiriert. Vertonte Texte zum Tag waren bei meiner Suche zu meiner Überraschung deutlich schwieriger zu finden. Um so großartiger hier das Erntelied von Ludwig Hölty, das vom Landleben, der Freude und der Jugend erzählt und damit Franz Schubert zu Musik inspiriert hat, die in ihrer Lebendigkeit an ein italienisches Madrigal erinnert. Eduard Mörikes Agnes und Eichendorffs Der Musikant sind ebenfalls Tageslieder, vertont haben diese Gedichte Hugo Wolf und Johannes Brahms. Von letzt genanntem stammt auch das Lied Feldeinsamkeit, ein Gedicht von Hermann Almers. Für Brahms war bei seiner Entscheidung ein Gedicht zu vertonen die Qualität eines Textes weniger ausschlaggebend, es ging ihm um das behandelte Thema. Von tiefem Glück erzählt hier der Text, im grünen Gras liegend betrachtet das lyrische Ich das Ziehen der weißen Wolken, von Himmelsbläue wundersam umwoben.

Diesem beschriebenen Glück entgegengesetzt steht Mörikes Das verlassene Mägdlein. Wie viele seiner Gedichte stammt auch dieses aus seinem Roman Maler Nolten, ein Gesang, der aus der Küche des Gefängniswärters erklingt. Beim Verrichten seiner morgendlichen Aufgaben kommt dem mit ihrem Vater alleine lebenden jungen Mädchen ein Traum der vergangenen Nacht in den Sinn, dem Traum vom treulosen Knaben. Wolf und Schumann haben diesen verletzlichen Text vertont. Auch das mit vielen feinen Andeutungen garnierte Betrachten eines jungen Paars in Begegnung, ebenfalls von Mörike, ist ein Morgenthema: die Beiden begegnen sich  nach einer gemeinsam verbrachten Nacht etwas unsicher auf der Straße. Wie aufgeregt und hektisch erklingt es dagegen in dem Brahms-Lied Trennung: Wach auf, wach auf, du junger Gesell weckt das Mädchen in dem Volkslied seinen Liebsten, der verschlafen hat. Die Vögel singen schon, der Fuhrmann lärmt auf der Straße. Bei Heinrich Heine ist es im Morgengruss eine läutende Lämmerherde und die über dem Berg aufgehende Sonne, doch hier ist der Junge schon auf den Beinen und nimmt Abschied von seinem Mädchen.

Die zu den bekanntesten Abendliedern zählende Weise ist Der Mond ist aufgegangen auf einen Text von Matthias Claudius in einer Vertonung durch Johann Abraham Peter Schulz. Franz Schubert hat sich zu seinem Abendlied sicherlich mit Wissen um die große Popularität des Gedichtes entschlossen. Ebenfalls einen persönlichen Vorteil erhoffte er sich in dem Entschluss, Gedichte von Friedrich Rochlitz, einem bekannten Leipziger Kritiker, zu vertonen. Alinde und An die Laute gehören dazu, Juwelen aus dem Jahr 1827. Letztgenanntes gehört zu einer großen Gruppe von Serenaden, meistens eher Nachtlieder, vielleicht kann man aber auch schon am Abend die Laute anstimmen – wenn der Papa des besungenen Mädchens nichts dagegen hat oder sogar außer Hause ist. Alinde ist ein schönes Beispiel, wie schon der Abend, dann erst recht die Nacht die Dichter zu Wahrnehmungen und Phantasien inspiriert: Ein Junge wartet auf sein Mädchen, sie sind verabredet. Schnitter, Fischer und Jäger haben auf sein Nachfragen Alinde nicht gesehen, haben aber auch keine Zeit für Träumereien. Erst ein Echo bringt dem Jungen das Mädchen zurück, wohl nur in Gedanken, da ist nach langem Warten der Abend schon längst übergegangen in die Nacht. Und hier wird weiter gesungen vor den Fenstern der Schönen, in Eichendorffs Pagenlied und im Ständchen von Franz Kugler, zwei Lieder von Mendelssohn und Brahms. Unheimliche Gestalten, unwirkliche Begebenheiten ereignen sich in der Nacht, die reitenden Elfen in Heines Neue Liebe(Mendelssohn) genauso wie  im Geistertanz von Friedrich Matthisson, einem der zahlreichen Dichter aus dem Freundeskreis von Franz Schubert. Die Nacht ist erwartungsgemäß unter den vier Tageszeiten das am häufigsten in Wort und Musik verwandelte Thema:  Das lyrische Ich der Romantik horcht in sich hinein, es ängstigt sich. Der Tag hat Licht und Freiheit geboten, nun aber soll das Vöglein schweigen, sein Gesang würde es verraten. Gustav Pfarrius beschreibt diese Stimmung in dem Gedicht Warnung aus seinen Waldliedern und inspiriert damit Robert Schumann zu einer Musik, die weit über seine Zeit hinaus geht. Sie passt zur Meerfahrt von Heinrich Heine mit ihrer dämmrig im Mondenglanz liegenden Geisterinsel, passt zur Fahrt, die zunächst traulich im leichten Kahn beginnt und dann  trostlos auf weitem Meer endet, gehüllt in dunkle Brahms-Farben.