Konzert 3

Samstag, 15. Februar 2020, 17.00 Uhr

Sonntag, 16. Februar 2020, 11.30 Uhr

 

Ludwig van Beethoven: Schottische Volkslieder für Sopran und Klaviertrio

Carine Tinney, Sopran

Julia Parusch, Violine 

Max Gundermann, Violoncello

Peter Kreutz, Klavier

 

 

Was für eine Leidenschaft! George Thomson (1757 – 1851) lebte und arbeitete in Edinburgh als Musikliebhaber, Bearbeiter und Verleger. Er verbrachte einen großen Teil seines Lebens mit dem Sammeln der schönsten schottischen, walisischen und irischen Lieder und gab, anstatt sich auf einheimische Komponisten für die Arrangements zu verlassen, bei den besten europäischen Komponisten seiner Zeit Begleitungen für diese Melodien in Auftrag, neben Joseph Haydn, Carl Maria von Weber und Ignaz Pleyel auch bei Ludwig van Beethoven. Thomson übermittelte den Komponisten die Melodien ohne Gesangstexte und Titel, doch mit kurzen Erläuterungen zu Tempo, Stimmung und Charakter. Im ersten Anschreiben informierte er sie gleich auch über das Honorarangebot  von vier Dukaten pro Melodie, nicht ohne den Hinweis, dass die bereits angefragten Komponisten es akzeptiert hätten. 

Diese Volksliedbearbeitungen bilden trotz ihrer beeindruckenden Zahl von 179 Liedern sicherlich den am wenigsten bekannten und unterschätzten Anteil des Gesamtwerkes von Ludwig van Beethoven. Auch im Jubiläumsjahr BTHVN 2020 werden die Lieder nicht häufig zu hören sein. Forum Lied aber feiert mit ihnen den 250. Geburtstag des Komponisten.

Beethoven war zu seinen Lebzeiten nie auf den britischen Inseln und hatte auch keine offenkundige Vertrautheit mit Großbritannien. Natürlich strebte man aus Karrieregründen damals auf die Insel, Joseph Haydn ist hier das beste Beispiel. Seine Aufenthalte in London während der 1790er Jahre sind sogar der Grund dafür, dass er zwar immer als Lehrer von Beethoven genannt wird, der Unterricht in Wien aber äußerst selten stattfinden konnte.

 

Der Briefaustausch zwischen George Thomson und Ludwig van Beethoven, also von Edinburgh nach Wien und zurück, erwies sich während der napoleonischen Kriege als ein schwieriges Unterfangen. Beethoven verschickte ursprünglich 3 Kopien auf verschiedenen Routen und ein Jahr später noch eine weitere. Zunächst erreichte keine einzige Thomson, die letztlich angekommene Kopie scheint via Malta verschickt worden zu sein! Beethoven fand später heraus, dass die Route via Paris die effektivste für Post nach Edinburgh war. Die schwierigste Hürde war der Ärmelkanal - und der sicherste Weg, Post über den Kanal zu schicken, war es, Schmuggler anzuheuern.

 

Als Thomson Beethoven darum bat, er möge seine Begleitungen doch einfacher verfassen, reagierte Beethoven gereizt und stellte diese dezidiert auf eine Stufe mit seinen übrigen Werken: “Ich bin es nicht gewohnt, meine Kompositionen zu überarbeiten; ich habe dies niemals getan, da ich überzeugt bin, dass jegliche noch so kleine Änderung den Charakter des Werks verfälscht. Ich bedaure, dass Sie hier verlieren, jedoch kann man mich kaum für schuldig befinden, wäre es doch Ihre Aufgabe gewesen, mich mit dem Geschmack Ihres Landes und dem bescheidenen Vermögen Ihrer Musiker vertraut zu machen.”

 

Beethovens Arrangements sprühen vor Ideenreichtum. Die Violin- und Celloparts sind zwar optional ausgelegt, jedoch keine bloße Reproduktion des Klavierparts. Zudem veranlassten die traditionellen Weisen Beethoven dazu, mit modalen Harmonien in einem klassischen Kontext zu arbeiten, manchmal mithilfe von dröhnenden Bässen, die an Dudelsäcke erinnern - ein Stilmittel, das markante Effekte erzielt. Die schnelleren Arrangements besitzen eine großartige Energie und die langsamen Lieder eine bewegende Expressivität - kombiniert mit einer reichen Textur und innovativer Harmonisierung.

Die Veröffentlichungen der Lieder waren wirtschaftlich ein Misserfolg. Thomson klagte, dass sie zu hoch und zu schwierig für das Zielpublikum seien und dass „er (Beethoven) für die Nachwelt komponiert“. Dessen ungeachtet veröffentlichte er weiterhin die Lieder bis in die 1840er Jahre, jedoch blieb ihm der kommerzielle Erfolg verwehrt. Vermutlich ist auch dies ein Grund für die Unbekanntheit der Werke. Im Internet sind die Noten heute zu finden, ebenso in musikwissenschaftlichen Gesamtausgaben der Bibliotheken. Zu kaufen ist dagegen nur ein ganz kleiner Teil der Sammlung.

 

Bereits 2017 waren schottische Volkslieder im Forum zu hören, neben Beethoven standen damals auch Bearbeitungen von Ignacy Jan Pleyel und Joseph Haydn auf dem Konzert. Damals wie auch im kommenden Forum Lied Wochenende  sang und singt die schottische Sopranistin Carine Tinney, ein Garant für eine authentische Aufführung der Lieder! „Dreckiger“ muss es klingen, fordert die Sopranistin die Instrumentalisten in den Proben wiederholt auf, wenn sie zu klassisch-schön spielen. Es ist Musik, die in ihrer Heimat traditionell auf Hochzeiten und Feiern gespielt wird, auch zum Tanz, solange, bis der Boden vibriert. Beethoven trifft Braveheart!